Pfiffiger Piepser

Dieser kleine Vogel ist das beste Beispiel für „Totgesagte leben länger“. Niemals hätten wir gedacht, dass er überleben wird. Er hat es allen gezeigt und gekämpft. Nach einer Woche Flugübungen im Badezeimmer ist er ausgezogen, die Welt zu entdecken …

Ganz typisch – Katze bringt (leider) einen Vogel mit nach Hause um ihn dann genüßlich und in aller Ruhe am liebsten unter dem Esstisch zu verspeisen. Diese Katze im Speziellen, nennen wir sie mal Lotta, bringt ihre Beute, egal ob Maus oder Vogel, immer gaaanz vorsichtig im Maul nach Hause. Erst Zuhause wird der Fang dann erledigt.

… Stolz wie Bolle kommt Lotta also mit diesem kleinen Piepser im Maul durch die Katzenklappe um dann sofort in der Ecke unter dem Tisch Platz zu nehmen um sich dem „Mittagessen“ zu widmen. Sie hat die Rechnung aber ohne Frauchen gemacht. Die hat das nämlich gesehen und ist bereit für das Vögelchen zu kämpfen. Das ist es dann auch jedes Mal: Ein Kampf. Oder besser ein Krampf … Es ist so, dass Lotta dann um den Tisch unter den Stühlen im Kreis läuft und Frauchen muss da hinterher. Frauchen ist aber viel größer als Lotta, deshalb geht eine solche Jagd eigentlich nie ohne Beulen zu Ende. Wenn Lotta dann eingeholt ist, wird sie festgehalten. Das lässt sie sich auch anstandslos gefallen … Frauchen hält Lotta fest und Lotta hält Vogel fest … Ein Geduldsspiel, denn irgendwann muss Lotta Luft holen … und dann ist das Vögelchen frei. Nun heißt es, Katze aus dem Zimmer, Vogel einfangen – denn der ist inzwischen in den Gardinen gelandet. In den meisten Fällen läuft es genau so ab – in den meisten Fällen haben die Vögel keine großen Verletzungen und können nach einer kurzen Erholungsphase wieder raus.

Dieser kleine Vogel allerdings landete nicht in den Gardinen, sondern blieb reglos liegen. Auch ein Hochheben änderte nichts. Er schien doch stark verletzt und er machte den Eindruck, als sei er mehr tot als lebendig. Ganz schweren Herzens bekam Lotta ihre Beute zurück mit der Hoffnung, dass sie schnell ein Ende machen würde.

Als wir nach 10 Minuten wieder nachsehen wollten, lag Lotta halb unter der Kommode und der Vogel war nicht zu sehen. Wir sahen unter das Möbelstück und da saß ein wirklich kleines Häufchen Elend und wagte nicht, sich zu bewegen. Die Katze kam nicht ran … Ein schlauer kleiner Vogel. Augenscheinlich hatte er sich tot gestellt um dann im richtigen Moment die Flucht zu ergreifen. Also, Katze aus dem Zimmer, Vogel eigesammelt und in einen dunklen Karton gesteckt. Das ist wichtig, damit die Vögel sich von einem Schock erholen können.

Und das tat er – er erholte sich. Er hatte eine relativ große Verletzung, er blutete am Bauch. Aber er saß im Karton und hüpfte und piepste. OK … er bekam nun ganz schnell ein Schmerzmittel und ein Antibiotikum. Weil Piepser so ein mutiger und darum frecher kleiner Vogel war, schnappte er nach der Pipette und die Medikamente waren im Schnabel … es klappte hervorragend. Er wurde in den Genesungskäfig gesperrt, Futter und Wasser hingestellt und nun sollte er gesund werden. Das Antibiotikum muss über mehrere Tage gegeben werden, damit es alle Keime abtöten kann. Also war klar, er blieb mindestens drei Tage. Medikamentengabe klappte gut. Fressen ging auch so hin. Was er nicht konnte war Fliegen. Nun machten wir uns doch Sorgen, dass ein Flügel gebrochen sein könnte o.ä. Also fuhren wir zum Tierarzt.
Es war alles ok. Kein Bruch. Er war einfach noch zu klein zum Fliegen. Und weil jeder, der etwas lernen will nun einmal üben muss, bekam er Freiflug im Badezimmer. Das Badezimmer ist sehr klein und es war Hochsommer. Tropische Temperaturen herrschten in dem kleinen Raum. Fenster auf war ja nun auch keine gute Idee … Piepser musste zwei mal am Tag in seinen Käfig, damit ein bisschen frische Luft herein kam, den Rest des Tages hüpfte und flatterte er frei.

Wir haben zusammen geduscht, Zähne geputzt und Haare geföhnt. Piepser sah meist von unter dem Schränkchen aus zu. Mit der Zeit wurde mutiger und blieb sichtbar sitzen. Fliegen wollte er aber immer noch nicht. Die Tage vergingen, er wurde gesund, Antibiotika war zu Ende genommen – aber fliegen konnte er nicht. Wenn wir ihn so in Freiheit entlassen hätten, wäre er ganz schnell wieder zur Beute geworden. Wir warteten ab. Dann, nach ein paar Tagen, die ersten Flugversuche. Nicht hoch, aber immerhin. Wir freuten uns sehr, denn es schien nun, dass er es endlich lernen wollte. Und es wurde sehr schnell sehr viel besser. Jeden Tag flog er ein bisschen höher. Wir hatten manchmal den Eindruck, als wollte er uns zeigen, was er gelernt hatte und wir waren mächtig stolz auf ihn. Er war mittlerweile schon sehr zutraulich geworden. Als er dann endlich von der einen Ecke des Badezimmers in einem Flug auf der anderen Seite auf der Duschamartur landen konnte war der große Tag gekommen.

Wir brachten ihn mit großer Parade nach hinten in den Garten. Dort verteilten wir zunächst Futter und stellten Wasser auf. Dann nahmen wir das Tuch vom Käfig und öffneten die Tür. Ganz vorsichtig schaute Pieps sich in der Gegend um – er fand den Ausgang schnell und flog – gaaaaanz hoch! In den höchsten Baum, den er hätte finden können. Von dort aus hatte er hoffentlich einen guten Überblick und konnte seine Familie ausfindig machen. Wir haben Pieps natürlich nie wieder gesehen und können nur hoffen, dass er den Sommer gut überstanden hat. Wir drücken ihm alle Daumen, dass er niemals wieder Beute einer Katze wird. Die meisten Katzen tragen ihren Fang nämlich nicht so vorsichtig nach Hause wie unsere Lotta …

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